Die Zukunft der Übersetzungsindustrie – wie muss die Übersetzerausbildung der Zukunft aussehen?

In September 2015 landete eine ganz interessante Einladung in meiner Mailbox: Als Vortragende wurde ich zu einem Workshop mit dem Titel: „Foreign Language for Future Language Professionals: Reassessing Market Needs and Training Programmes“ in Triest, Italien, eingeladen. Das Seminar wurde von der Universität Triest und der Europäischen Union zu den Themen Übersetzerausbildung, Übersetzungskompetenz in der Nicht-Muttersprache und Qualität organisiert. Als Vertreterin der Übersetzungsindustrie wollte ich in meiner Präsentation die Vorteile des Muttersprachlerprinzips und die Bedürfnisse und Wünsche von Firmenkunden gegenüberstellen und erklären warum Übersetzer über Fremdsprachenkenntnisse auf höchstem Niveau verfügen müssen. Dabei ist es egal, ob man nur in die Muttersprache übersetzt oder nicht.

Das Muttersprachlerprinzip

Persönlich bin ich und bleibe ich Befürworterin der Muttersprachlerprinzip, d.h. Übersetzer sollten ausschließlich in ihre eigene Muttersprache (und nicht aus ihrer Muttersprache) übersetzen. Damit wird sichergestellt, dass sich die Übersetzung einwandfrei liest. Das Muttersprachlerprinzip ist allerdings nur in einigen Ländern verbreitet. In Deutschland wird es beispielsweise weder in der Ausbildung noch in der Praxis beachtet.

Muttersprachler alleine genügt nicht

Die Qualität der Muttersprache des Übersetzers ist freilich nur ein Faktor, die es bei der Vergabe eines Übersetzungsauftrags zu berücksichtigen gilt. Genauso wichtig ist, ob der Übersetzer auch den Ausgangstext versteht, d.h. wie gut seine fremdsprachliche und fachsprachliche Kompetenzen sind. Nur wenn der Übersetzer die Fremdsprache und die Fachsprache sehr gut beherrscht, kann er auch eine treffende Übersetzung in seine Muttersprache erstellen. Allerdings wird dieser Punkt leider bei der Anwendung des Muttersprachlerprinzips häufig außer Acht gelassen.

Die Realität

Dazu kommt noch, dass akademische Regeln und Idealfälle („nur in die Muttersprache übersetzen“) nicht immer mit den Bedürfnissen der Industrie und der Kunden in Einklang stehen. Vermehrt möchten Firmen und Kunden, dass ihre internen aber auch ihre externen Übersetzer einen Vollservice-Ansatz anbieten. Vielleicht hat eine Firma schon regelmäßig Übersetzungsbedarf und möchte deshalb intern Übersetzer anstellen, hat aber nicht genügend Übersetzungsbedarf für einen Übersetzer pro Sprachpaar, geschweige denn, für einen Übersetzer pro Sprachrichtung. Aus geschäftlicher Sicht macht es dann natürlich Sinn einen Übersetzer anzustellen, der alle Sprachpaare und -richtungen abdecken kann. Aber auch Firmen, die mit externen Übersetzern zusammenarbeiten, wollen oft nur mit einem Übersetzer arbeiten – zum Beispiel aus Zeit- und Verschwiegenheitsgründen.

Zurück zum Thema Ausbildung

Ob künftige Übersetzungsabsolventen nur in ihre eigene Muttersprache übersetzen oder doch in beide Richtungen, muss meines Erachtens jeder Übersetzer für sich entscheiden. Es wird immer einen Markt für Übersetzer geben, die nur höchste Qualität in ihrer eigene Muttersprache anbieten wollen, vorausgesetzt, sie verfügen zusätzlich über weitreichende Fachkenntnisse in einem bestimmten Fachbereich. Es wird aber auch Aufgaben für Übersetzer geben, die in beide Sprachrichtungen übersetzen wollen. Wie auch immer sich Studenten später entscheiden, es ist äußerst wichtig, dass ihnen während der Ausbildung die Möglichkeit geboten wird, an ihren fremdsprachlichen Kompetenzen und fremdsprachlichen Schreibkünsten so gut wie möglich zu feilen, denn egal ob sie später auch in die Fremdsprache übersetzen oder nicht, eins ist sicher: Um erfolgreich am Markt bestehen zu können, sind mehr als durchschnittliche Fremdsprachenkenntnisse unerlässlich.

 

Wie ist es im Rechtsbereich? Ist es für Sie immer wichtig, dass der Übersetzer Muttersprachler der Zielsprache ist oder kommt es auf dem Zweck der Übersetzung an? Teilen Sie doch Ihre Meinung unten mit.

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